Nähe trotz Distanz – Unsere Internatsschule in Lindenberg während der Pandemie9. April 2021

Mitten in einer Pandemie ins Ausland reisen, um eine Fremdsprache zu lernen: Ist das sicher und macht das überhaupt Spaß? Wir haben mit Polina (15 Jahre, Ukraine) und Liam (15 Jahre, Brasilien/Irland) gesprochen. Die beiden besuchen in unserer Sprachschule in Lindenberg seit Januar einen Deutschkurs. Seither haben sie schon viel gelernt, aber nicht nur über die deutsche Sprache und Kultur, sondern auch über Gemeinschaft und Zusammenhalt.

Hallo ihr zwei, vielen Dank für eure Zeit! Als Allererstes würde uns interessieren, was euch dazu bewogen hat, mitten in einer Pandemie ins Ausland zu reisen.

Polina: Ich möchte in Deutschland Abitur machen und anschließend in Deutschland studieren, am liebsten Sportwissenschaften. Dafür muss ich natürlich Deutsch sprechen. Dieses langfristige Ziel wollte ich wegen der Pandemie nicht aufschieben und bin deshalb trotz Corona nach Lindenberg gekommen. Deutschland ist aber toll, was Corona betrifft. Es gibt viele Regeln und deshalb fühle ich mich sehr sicher.

Liam: Die Lage in Brasilien ist nicht so gut. Deshalb bin ich zu Beginn der Pandemie in meine alte Heimat nach Irland zurückgekehrt. Von dort aus habe ich online am Schulunterricht in Brasilien teilgenommen. Das war ziemlich anstrengend und ich habe mir überlegt, wie ich die Zeit besser nutzen kann. Der Deutschunterricht in Brasilien ist nicht so effektiv, weil man nur ein paar Unterrichtsstunden pro Woche hat. Da dachte ich mir: Jetzt ist meine Chance! Es ist einfacher Deutsch in Deutschland zu lernen, also bin ich nach Lindenberg gegangen.

Ihr seid beide aus einem sogenannten Risikogebiet angereist. Deshalb musstet ihr in unserem Institut zuerst eine Quarantäne absolvieren. Wie war das für euch und hattet ihr davor Angst?

Polina: Während der Isolation hat man ein eigenes Zimmer und die Betreuer bringen einem das Essen. Im Zimmer gibt es WLAN und man nimmt online am Deutschkurs teil. Die Betreuer haben uns ermutigt, uns viel im Zimmer zu bewegen. Wir haben online zusammen Sportvideos gemacht. Außerdem habe ich viel gemalt. Die Betreuer waren immer ganz lieb.

Liam: Ich hatte mehr Angst wegen meiner schlechten Deutschkenntnisse als wegen der Quarantäne. Das war allerdings unnötig, weil ich in kurzer Zeit viel gelernt habe. Während der Isolation habe ich im Zimmer viel Sport gemacht und mit meinen Freunden übers Internet gesprochen. Es war zwar ein bisschen langweilig, aber die Zeit ging viel schneller vorbei als gedacht.

Wegen der Pandemie wurdet ihr in „Familien“ (kleine Gruppen mit festen Mitgliedern) eingeteilt. Wie geht es euch damit und was müsst ihr im Alltag sonst noch beachten?

Liam: Leider gibt es keine Stadtgänge oder Ausflüge. Aber das Schulgelände ist groß und wir machen jeden Tag unterschiedliche Aktivitäten. Ich spiele am liebsten Fußball. Ansonsten gibt es keine großen Einschränkungen. Wir müssen einfach die Maske tragen und in unserer Gruppe bleiben. Das fördert den Zusammenhalt, weil die Gruppe zusammenwächst und man auch mal Zeit mit jemandem verbringt, mit dem man sich sonst vielleicht nicht angefreundet hätte.

Polina: Ich mache am liebsten Sport. Wir machen zum Beispiel richtige Workouts mit Gewichten. Wenn das Wetter nicht so gut ist und die Aktivität drinnen stattfindet, ist es manchmal blöd, weil wir auch in der Sporthalle eine Maske tragen müssen. Draußen mit Abstand ist das aber nicht nötig.

Geht Deutschland mit der Pandemie anders um als die Ukraine oder Brasilien?

Liam: In Brasilien gibt es viele Coronafälle. Trotzdem gehen alle an den Strand und viele tragen keine Maske. Wenn ich noch in Brasilien wäre, hätte ich zwar keine Angst, aber ich wäre vorsichtiger. Es ist eine Mischung aus Wehmut und Dankbarkeit. Einerseits wäre ich auch gerne am Strand, andererseits fühle ich mich am Humboldt-Institut sehr sicher.

Polina: In der Ukraine ist es ähnlich wie in Brasilien und viele Menschen tragen keine Maske. Die Schulen unterrichten nur noch online. In Deutschland muss ich zwar eine Maske tragen, dafür kann ich am Humboldt-Institut aber mit anderen Jugendlichen zusammen in den Unterricht gehen und die Freizeit genießen. Das ist schön.

Worauf freut ihr euch am meisten, wenn die Pandemie vorbei ist?

Liam: Wenn wir endlich keine Masken mehr tragen müssen und wieder gemütlich in die Stadt dürfen, das wird toll!

Polina: Ich freue mich darauf, wieder andere Menschen in den Arm nehmen zu können und mit meinen Freundinnen shoppen zu gehen.

Was vermisst ihr am meisten, wenn ihr an euer Zuhause denkt?

Polina: Also ich vermisse meine Familie und mein altes Zimmer, aber vor allem auch meinen Hund. Das Essen vermisse ich nicht wirklich, denn es schmeckt in Lindenberg sehr lecker.

Liam: Ich vermisse natürlich auch meine Familie. Aber vor allem vermisse ich das frische Obst aus Brasilien, das schmeckt hier einfach anders. Und ich hätte manchmal gerne meine eigene Küche ohne bestimmte Essenszeiten.

Wie gefällt es euch in Lindenberg?

Polina: Es ist so schön hier, vor allem die Natur! Das Gras, die Berge, die vielen Bäume. Ich würde am liebsten länger bleiben, aber nach dem Sprachkurs werde ich auf eine andere Internatsschule in Deutschland wechseln, um dort mein Abitur zu machen.

Liam: Mir gefällt es auch sehr gut und ich bin hier glücklicher als in Brasilien mit Online-Unterricht. Man lernt Deutsch einfach viel schneller, wenn man in Deutschland ist. Wahrscheinlich werde ich meinen Aufenthalt in Lindenberg verlängern und erst später nach Brasilien zurückkehren.

Wie lautet euer Fazit?

Polina und Liam: Die Quarantäne am Anfang ist zwar nicht so toll, aber sie geht schnell vorbei und lohnt sich. Man muss sich nur trauen.

Liebe Polina, lieber Liam, vielen Dank für das tolle Interview. Wir wünschen euch weiterhin eine tolle Zeit am Humboldt-Institut in Lindenberg und alles Gute für eure Zukunft!