Nachdem die Alemannen die Römer aus dem hiesigen Gebiet vertrieben hatten, dauerte es noch bis zum 7./8. Jahrhundert, bis alemannische Bauern sich hier ansiedelten. Vermutlich im 8. oder 9. Jahrhundert wurde ein Alemanne namens Razo an der Stelle des heutigen Sechshöf seßhaft und gab der Rodung den Namen "Razenriet". Zu gleicher Zeit gründete ein anderer Alemanne namens Ottram die Siedlung Ottramsried, die sich vermutlich an der Stelle des heutigen Ratzenried befand. Die Siedlung wurde im 13. Jahrhundert zu "Ried" umbenannt, im 14. Jahrhundert zu Wetzelsried und trägt erst seit dem 17. Jahrhundert ihren heutigen Namen, während die alte Siedlung Ratzenried zu Sechshöf umbenannt wurde. Auch die Siedlungen des Alphart (Alperts) und Arto (Artisberg) gehen vermutlich auf das 9. Jahrhundert zurück.
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Heimatmuseum Ratzenried
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Wie vielfach auch andernorts geschehen, schenkten Razo und Ottram bzw. deren Nachkommen ihre Höfe dem Kloster St. Gallen. Durch den weit verzweigten Besitz des Klosters wurde es im Laufe der Zeit nötig, Verwalter bzw. Dienstmannen zu bestellen. Die Ratzenrieder Dienstmannen, die vielleicht Nachkommen der Ortsgründer waren, stiegen zum Niederadel auf und bauten sich eine Burg bei ihrem Dorf Ratzenried (=Sechshöf), dort, wo sich heute die Burgruine befindet. Dieser alte Ratzenrieder Ortsadel, der zwischen 1140 und 1180 zum ersten Mal erwähnt wird, starb um 1300 aus.
Ein Gemälde von Schloss Ratzenried
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Das St. Gallische Lehen gelangte darauf in die Hände Ludwig des Esels von Ratzenried, dessen Grabstein sich an der Außenseite der Kirche befindet und der auch der Stifter eines dem Hl. Epimachus geweihten Kirchenneubaus in Ratzenried war. Danach kam das Lehen an die Adelsfamilien der Unrain, Raper, Molbrechtshausen, Stegen, Sürgen, Praßberg, Königsegg, Stüdlin und Hirnheim, bis es 1453 vom reichen Ravensburger Bürgermeister Jos Humpiß aufgekauft wurde.
Die Humpiß waren Begründer der Ravensburger Handelsgesellschaft gewesen und hatten sich großen Reichtum durch den europaweiten Handel mit Allgäuer Leinwand erworben. Seit dem 15. Jahrhundert gingen sie dazu über, ihr Geld in Grundbesitz anzulegen, in Burgen, Höfen und Mühlen des Allgäus. Auf diese Weise erwarben sie nicht nur das St. Gallische Lehen in Ratzenried, sondern auch Besitz in Arnsberg, Brochenzell, Pfaffenweiler, Amtzell, Altmannshofen, Merazhofen, Siggen u.a.
Jos Humpiß erhielt schon 1454 von Kaiser Friedrich die Niedere Gerichtsbarkeit und schuf damit den Grundstein für die reichsunmittelbare Herrschaft Ratzenried, für eine Art Kleinstaat, in dem über dem Herrn von Ratzenried nur der Kaiser in Wien als höchste Instanz stand.
Die Söhne Jacob und Jos wurden 1495 von Kaiser Maximilian mit der Hohen Gerichtsbarkeit belehnt und erhielten das Privileg der Befreiung von fremden Gerichten. 1498 teilten die Brüder ihren Besitz in 2 Hälften: Jos erhielt die Ratzenrieder Hälfte mit der alten Burg, Jacob die Wetzelsrieder Hälfte. Jos Humpiß baute die alte Burg Ratzenried zur größten Dienstmannenburg des Allgäus aus, während Jacob sich im Dorf Wetzelsried um 1500 ein eigenes Schloss (das "untere", heutige Schloss) erbaute. Um 1500 beantragten die Brüder beim Kaiser eine Wappen- und Namensänderung: Seither fügten sie den drei weißen Hunden auf schwarzem Feld, dem Kennzeichen der "weißen" (Ratzenrieder) Linie der Humpiß, die Sonne hinzu, das Wappen des alten Ratzenrieder Ortsadels, und seither nannten sie sich "von Ratzenried".
Die Teilung der Herrschaft brachte es mit sich, daß alle Höfe, Leibeigenen und Rechte geteilt wurden und sogar zwei verschiedene Wirtschaften für die jeweiligen Untertanen errichtet wurden. Beide Linien versuchten im Verlauf des 16. und 17. Jahrhunderts, durch Tausch und Kauf von Höfen und Leibeigenen ein geschlossenes Herrschaftsgebiet aufzubauen. Seither gehörten Schwenden, Buchen, Berg, Rehmen und Zimmerberg zur Herrschaft Ratzenried.
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Während beide Ratzenrieder Schlösser im Bauernkrieg verschont blieben, wurden sie im 30-jährigen Krieg (1632) zerstört und mit ihnen die Kirche und viele Höfe. 1645 starb die Oberschlosslinie aus, weshalb das Obere Schloss nicht mehr aufgebaut wurde und bis heute Ruine blieb. Das Untere Schloss dagegen wurde wiederhergestellt. Die Nachkommen der Unterschlosslinie stiegen im 18. Jahrhundert zu bedeutenden politischen Ämtern auf, vor allem in Diensten der Fürstbischöfe von Konstanz.
Die politischen Umwälzungen im Gefolge der französischen Revolution, der Napoleonischen Kriege und des Zusammenbruchs des Kaiserreichs brachten es mit sich, dass die Herrschaft Ratzenried 1806 zum Königreich Bayern und 1810 zum Königreich Württemberg kam und alle Rechte der Staatlichkeit verlor. Das alte St. Gallische Lehen gehörte jetzt dem König von Württemberg und wurde von diesem an die Herren von Ratzenried verliehen. Aus der Herrschaft Ratzenried wurde 1820 die Gemeinde Ratzenried.
1813 starb der letzte Ratzenrieder Humpiß-Nachkomme, Freiherr Franz Konrad von Ratzenried, nachdem er 1811 seinen Besitz samt Schloss an seinen Neffen, den Grafen von Beroldingen, verkauft hatte. Die Grafen von Beroldingen hatten bedeutende Ämter inne, u.a. das des Außenministers des Königreichs Württemberg. 1848/49 erfolgte durch verschiedene Gesetze die sog. "Bauernbefreiung", durch die die Grund-, Leib- und Zehntherrschaft aufgelöst wurden und die Bauern nach vielen Jahrhunderten endlich frei waren. Die Herren von Ratzenried besaßen nur noch ihren Privatbesitz. Durch Heirat der letzten Gräfin von Beroldingen mit Graf Anton von Waldburg-Zeil kam der Ratzenrieder Adelsbesitz an das Haus Waldburg-Zeil. So wurde Graf Alois von Waldburg-Zeil ein indirekter Nachfolger des uralten Ratzenrieder Ortsadels. Das Schloss wurde seit dem Tod des Grafen Anton (1949) zunächst als Kindererholungsheim genutzt. Seit 1974 gehört es Norbert Güthling, der hier im neu gegründeten Humboldt-Institut für Teilnehmer aus aller Welt Unterricht in Deutsch als Fremdsprache anbietet.
Seit 1972 gehört Ratzenried zusammen mit den ehemaligen Gemeinden Christazhofen, Eglofs, Eisenharz, Göttlishofen und Siggen zur Landgemeinde Argenbühl.
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Schloß Ratzenried im Frühling
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